Zur Quellenlage
Über die Frühzeit des Siebdrucks in Kontinentaleuropa gab es bisher
sehr wenige oder unklare Informationen. Grafisch-technische Siebdruckarbeiten
wurden vermutlich seit Mitte der 20er-Jahre ausgeübt. Nach einer Aussage
des Siebdruckfarbenherstellers Hermann Pröll waren es damals die Schriftenmaler, die als erste das Verfahren anwendeten
(Karlernst Weiler, "Der Siebdruck", 10/59). In Kontinentaleuropa
begann sich das Verfahren also 10 - 15 Jahre später zu verbreiten als
in den USA und England.
Verbreitung des Siebdruckverfahrens
Was bisher kaum bekannt war, ist der Einfluss der Seidengazefabrikanten auf
die Verbreitung des Siebdruckverfahrens in Kontinentaleuropa. Es waren Schweizer
Seidengazehersteller, die durch ihre USA-Vertretungen zu Beginn der 20er-Jahre
(oder früher) vom Seiden-Siebdruck in den USA erfahren haben. Es lag
in ihrem Interesse, das Verfahren auch in Europa zu verbreiten um dadurch
den Verkauf ihrer Seidengaze zu fördern. Friedrich Beckert schreibt 1951
zur Entstehung des Siebdruckverfahrens in Deutschland: "... Es kam vor
ungefähr 25 Jahren über die Schweiz zu uns ..." ("Der
Druckspiegel", 1951/1). Die ersten Versuche,
das Siebdruckverfahren breitflächig in Kontinentaleuropa einzuführen,
können so zusammen gefasst werden:
Die Schweizer Seidengazefabrikanten Pestalozzi, Wydler
und Tobler haben schon um 1920 oder früher durch ihre USA-Vertretungen
von der "Stencil-Industrie" in den USA erfahren. Pestalozzi versuchte
als erster Seidengazefabrikant, das Verfahren nun in Kontinentaleuropa einzuführen.
1926 reiste er zusammen mit dem Kunstmaler Hans Caspar Ulrich nach London
- zur englischen Vertretung der SELECTASINE San Francisco - um sich über
die neuartige Drucktechnik zu informieren. Eine anschliessende USA-Reise von
Ulrich sollte die Kenntnisse vertiefen. Ulrich sollte "Agent für
einige europäische Staaten" werden.
Pestalozzi muss zu dieser Zeit auch auch Kontakte zum "Handelsvertreter"
Josef Gruthof (Wien) gehabt haben. Nach Differenzen mit Ulrich sandte Pestalozzi
dann Gruthof nach Berlin, um dort die SELECTASINE-Patente für Deutschland
zu platzieren. Die Firma "SELECTASINE-Studios Berlin" wurde gegründet.
1932 begann sich Ulrich in Zürich wieder mit dem Siebdruck zu befassen.
In seiner Firma SERICO entwickelte er Schneidefilme nach amerikanischem Vorbild.
Die deutsche Vertretung für diese Filme übergab Ulrich an Josef
Gruthof.
Ab 1935 übernahm Josef Gruthofs Frau Cäcilie Gruthof die Vertretung
für die SERICO-Schneidefilme.
Die Firma Gruthof wurde Ende 1943 bei einem Luftangriff zerstört. Ulrich
führte seine Firma SERICO in Zürich weiter bis zu seinem Tode 1950.
Recherchen
Aktenfunde im Firmenarchiv des Gewebeherstellers SEFAR/Schweiz geben hier
einen Einblick in die damalige Situation. Die allermeisten Dokumente vor dem
Zweiten Weltkrieg betreffen die Verkäufe an das Müllereigewerbe,
eine kleinere Anzahl aber auch die "Stencil-Industrie", mit sehr
wichtigen Informationen. Eine Anfrage an den deutschen Gewebehersteller VERSEIDAG
blieb erfolglos, da die damaligen Aktenbestände im Zweiten Weltkrieg
zerstört wurden.
Einen weiteren wichtigen Einblick in die Frühzeit des Siebdrucks in Europa
geben Aktenfunde bei Alfred Eich, Inhaber der Firma SERICO, Dietikon/Schweiz.
Die Firma SERICO wurde 1926 vom Kunstmaler Hans Caspar Ulrich (1880 - 1950)
gegründet und gehörte zu den Pionierbetrieben des Verfahrens in
Europa. Die genauen Zusammenhänge, die zu dieser Firmengründung
führten, sind auf dieser Site erklärt. Dank einem Hinweis von Alfred
Eich ergaben sich Kontakte mit dem Sohn von H. C. Ulrich. In dessen Besitz
befinden sich Aufzeichnungen von seinem Vater, die eine kleinere, aber faszinierende
Schilderung der Frühzeit des Siebdrucks mit all den technischen und wirtschaftlichen
Problemen enthalten. Die meisten Dokumente der Firma SEFAR, der Firma SERICO-Eich
und die Aufzeichnungen von H. C. Ulrich sind auf dieser Site abgebildet.
