Hermann Pröll, Gründer des Siebdruckfarbenherstellers Pröll KG, schrieb 1957 rückblickend: "Die ersten, welche etwa Mitte der zwanziger Jahre den Siebdruck gewerblich anwandten, waren die Schilder- und Plakatmaler. Ich habe in meinem Archiv Siebdrucke aus jener Zeit, in der ich meine ersten Siebdruckfarben entwickelte. Viele Fachleute wundern sich immer wieder über die hervorragenden Drucke, welche seinerzeit mit den primitivsten Mitteln bereits erreicht wurden. Denn zu dieser Zeit kannte man weder die Photoschablone, noch die mehrschichtigen Schneidefilme, auch die heutigen Wunderwerke von feinsten Geweben aus Metall, Perlon und Nylon standen noch nicht zur Verfügung, man benutzte die gewöhnliche Müllergaze in ziemlich grober Webart."

 

"1926", "1927"

Wie Hermann Pröll nennt die ältere Fachliteratur die Jahre zwischen 1925 und 1927, in denen das Siebdruckverfahren in Kontinentaleuropa "aus dem Versuchsstadium in die Praxis trat", sowohl im grafischen Bereich wie auch im Textildruck. Es scheint, dass sich das Verfahren in Europa etwa 10 bis 15 Jahre später als in den USA zu entwickeln begann. Während Hermann Pröll noch ohne weitere Angaben von "Schilder- und Plakatmalern" sprach, ist heute belegt, dass zu Beginn der 1930er Jahre in Kontinentaleuropa schon mehrere Firmen den Siebdruck ausübten, in Frankreich beispielsweise die Firmen Gerrer und Peinture Publicité, in den Niederlanden die Firma Levisson, in Italien Carlo Frassinelli, in Deutschland Gruthof und in der Schweiz die Firma Serico. Wie von Pröll angedeutet, dürften sich damals aber sicher noch weitere Ateliers mit ersten Anwendungen des Siebdruckverfahrens beschäftigt haben.

Die Frühzeit des Siebdruckverfahrens in Europa wurde, wie in den USA, geprägt durch die Verbreitung des Selectasine-Verfahrens - unabhängig von den vielen weiteren Anwendungen im Bereich der Schilderherstellung. Das Selectasine-Verfahren konzentrierte sich dabei auf grafische Siebdruckarbeiten wie die Herstellung mehrfarbiger Plakate und Displays. Selectasine, San Francisco, versuchte das Verfahren in der grafischen Industrie zu platzieren, was im englischsprachigen Raum in kurzer Zeit gelang. In Kontinentaleuropa gelang die Einführung des patentierten Verfahrens nicht im gewünschen Umfang. Dennoch begann sich das Siebdruckverfahren auch in Kontinentaleuropa trotz schwierigem zeitbedingtem Umfeld zu entwickeln.

 

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