Zur Quellenlage
In einigen Ausführungen zur Siebdruckgeschichte, wird das Patent von
Samuel Simon (Patent von 1907) 1, einem Textildesigner
aus Manchester, als "Ursprung" des heutigen Siebdrucks dargestellt
(in den USA soll allerdings schon um 1903 gedruckt worden sein ...). Manchester
war zur damaligen Zeit das europäische Zentrum der Baumwollindustrie.
Über Samuel Simon ist äusserst wenig bekannt. In der Volkszählung
1901 3 wird er als Designer und Calicoprinter
aufgeführt (Berufsangabe in der Volkszählung 1891: "Schoolmaster
(Assistant)"), geboren um 1870.
Simons Patent 1907 1
Simons Patent beschreibt die auch heute noch verwendeten Elemente der Siebdruckform
- Rahmen, Gewebe und Schablone - in sehr einfacher Form. Die Umrisse des Druckmotivs
sollen mit einem feinen Pinsel ins Gewebe gezeichnet werden, die nicht druckenden
Flächen dann mit Lack o.ä. ausgefüllt werden.
Allerdings gab es ähnliche Patente auch schon früher, sowohl in
Europa als auch in den USA (Link "Zurück zur Übersicht"
> "Offene und gebundene Schablone"). Der französische Textildesigner Jehan Raymond reichte beispielsweise einen Monat vor Simon in England ein Patent ein 2, das sogar wesentlich weiter ging als Simons Patent: Raymond beschrieb die fotografische Schablonenherstellung, was in Simons Patent von 1907 nicht der Fall war.
Auch bei der Beschreibung der Gewebe und der Rahmen bietet Raymond konkretere Informationen als Simon. Eigenartigerweise sind auch die Titel der beiden Patenten beinahe deckungsgleich: "Improvements in or relating to stencils" (Simon) und "Improvements in and relating to stencils" (Raymond) ...
Es ist nun allerdings fragwürdig, alle erschienenen Patente in zeitlicher
Abfolge aneinander zu reihen und dann das früheste Patent als "Ursprung"
zu bezeichnen. Nicht bekannt ist nähmlich, welche Impulse die einzelnen
Patente der zukünftigen Entwicklung tatsächlich gaben - sowohl nicht
von Simons Patent als auch nicht von den früheren Patenten. Dennoch wird
das Patent von Simon auch in früheren amerikanischen Fachbüchern
erwähnt.
Einen eigenartigen Aspekt zum Patent von Simon zeigt zudem der oben abgebildete
Entwurf eines alten Fachartikels (Autor? Datum?) aus den Akten der Firma SELECTASINE,
Kent, England 6. Darin wird erwähnt, dass
Simon mit seinem Patent nicht in England, sondern in den USA Erfolg hatte.
Und dass Colonel Mayhew das Verfahren von den USA wieder nach England zurück
brachte. Samuel Simon ist aber in keiner US-Volkszählung registriert.
Er wohnte bis zu seinem Tod 1935 in Manchester - an der gleichen Adresse, wie sie im Patent 1907 angegeben wurde. Auch sein Siebdruckpatent
wurde nicht in den USA eingereicht (sein Patent zur Textilbemusterung mit
"Stempeln" 4 ist hingegen als US-Version
vorhanden).
Der oben abgebildete Text-Entwurf dürfte eine ziemlich unglückliche Zusammenfassung und Interpretation des Artikels in DISPLAY (Juni 1937, Seite 156) darstellen. In DISPLAY wird das Simon-Patent von 1907 erwähnt und später im Text nur bemerkt, dass die Entwicklung in den USA generell schneller war als in England. Der Artikel in DISPLAY stellt aber keinen Zusammenhang des Patents 1907 mit der Entwicklung in den USA her. Auch Colonel Mayhew wird dabei nicht erwähnt.
(Anm.: Solche Fehlinterpretationen zu geschichtlichen Aspekten sind im Siebdruck des öftern zu finden. Werden sie dann später von weiteren Autoren übernommen, so verdichten sich solche "Gerüchte" mit der Zeit zu "Tatsachen" ...)
Eigenartig wird es, wenn man das Patent von 1922 über Verdecke zu Motorrad-Seitenwagen
betrachtet 5. Es ist ebenfalls von Samuel Simon,
24 Ashfield Road, Manchester. 1924 dann ein Patent von Simon zur Textilbemusterung,
das aber nichts mit Schablonendruck zu tun hat.
Vermutlich dürfte es sich bei Samuel Simon sowohl um einen Textildesigner,
Textildrucker als auch um einen "technischen Tüftler" gehandelt
haben. Die Bedeutung seines Patents von 1907 auf die Entwicklung des Siebdruckverfahrens ist bis heute nicht bekannt.
Colonel Mark Mayhew
Mark James Mayhew war ein Londoner Mühlenbesitzer. Er hatte vermutlich einen wichtigen Einfluss darauf, dass sich das Siebdruckverfahren in England verbreiten konnte. Mayhew hat sich vor dem Ersten Weltkrieg in den Jahren 1913 bis 1915 geschäftlich (Müllerei) in den USA aufgehalten. Danach leistete er Militärdienst in England. Nach dem Krieg hat er sich wieder in den USA aufgehalten (Müllerei) und kehrte 1923 endgültig nach England zurück. Er gründete anschliessend die Firma SELECTASINE London. Mayhew muss vor oder nach dem Ersten Weltkrieg in den USA vom Siebdruck Kenntnis erhalten haben.
SELECTASINE London
Es gibt Hinweise darauf, dass in England schon vor dem Ersten Weltkrieg im Siebdruck gedruckt wurde. In England begann sich dann das Siebdruckverfahren nach dem Ersten Weltkrieg zu
verbreiten. Die Firma SELECTASINE London - eine Zweigstelle der SELECTASINE
San Francisco - leistete dabei Pionierarbeit 6.
Die Firma in London wurde von Lt. Colonel Mark Mayhew geleitet. Gemäss
dem US-Pionier Bert Zahn wurde das erste US-SELECTASINE-Patent zur Schablonenherstellung
von 1915 von den USA her dann 1917 auch in England eingereicht.
In den folgenden Ländern wurden weitere Patentrechte für dieses
erste SELECTASINE-Patent platziert:
- Neuseeland, 1915 (gem. Bert Zahn)
- Australien, 1917 (gem. Bert Zahn)
- Frankreich (Dauer: 1917 - 1932)
- Kanada, 1918 (gem. Bert Zahn)
- Italien (Dauer: 1918 - 1935)
- Belgien (Dauer: 1918 - 1935), gem. Bert Zahn ab 1917
- Deutschland (Dauer: 1921 - 1939)
Offenbar war es noch 1926 möglich, in Europa diese Patentrechte zu erwerben.
Es scheint fast so, dass SELECTASINE London während längerer Zeit
kein grosses Interesse zeigte, das Verfahren auch in Kontinentaleuropa zu
verbreiten.
1926 reiste der Schweizer Seidengazefabrikant Theodor Pestalozzi zusammen
mit dem Kunstmaler Hans Caspar Ulrich nach London, um sich über die neue
Drucktechnik zu informieren. Pestalozzi wollte die Patentrechte für Deutschland
erwerben und das Verfahren mit einer eigenen Agentur in Kontinentaleuropa
verbreiten.
