


Patente des ausgehenden 19. Jahrhunderts belegen, dass in Europa und den USA mit Seidengaze- oder Drahtschablonen experimentiert wurde. Dennoch liegen die Ursprünge des Siebdruckverfahrens bisher im Dunkeln. Erste Hinweise zum Siebdruck im heutigen Sinn stammen aus den USA. Sie betreffen die Jahre zur Wende zum 20. Jahrhundert. Zur Entwicklung des Siebdruckverfahrens bemerkt der amerikanische Fachbuchautor Albert Kosloff in seinem Buch „Mitography“ 1952, dass der Druck mit Schablonen zwar eine der ältesten Formen der Reproduktion darstelle, dass aber das heutige Siebdruckverfahren ab Beginn des 20. Jahrhunderts eine eindeutig amerikanische Entwicklung sei. Der zweite Teil dieser Artikelreihe ist dieser Frühzeit des amerikanischen Siebdrucks gewidmet. Die Quellenlage ist dabei dürftig. Dennoch soll hier versucht werden, die bruchstückhaft überlieferten Informationen zu einem Gesamtbild zusammen zu stellen.
"Lets see, it may work“
Warum das Siebdruckverfahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht in Europa mit seiner Jahrhunderte langen Tradition in Drucktechniken, sondern in den USA sehr schnell entwickelt und verbreitet wurde, kann verschiedene Gründe haben. Die USA waren seit Mitte des 19. Jahrhunderts das wichtigste Ziel für auswanderungswillige Europäer. Die Emigration könnte dabei zu einer pragmatisch orientierten, unkomplizierten Mentalität beim Aufbau einer neuen Existenz geführt haben. In einem englischen Siebdruckfachartikel der 1930er Jahre wird erwähnt, dass die Amerikaner damals sehr schnell neue Ideen aufnahmen und umsetzten.
Der Amerikaner John McPherson schreibt dazu in „Der Serigraph“ aus dem Jahre 1952: „Es war der praktische Sinn des amerikanischen ‚Moneymakers‘, der mit den ihm zur Verfügung stehenden einfachen Mitteln das nachzumachen versuchte, was man im Druckgewerbe schon längst kannte – dort allerdings mit Maschinen. Das Siebdruckverfahren könnte niemals im Labor des Intellektuellen oder im Maschinenraum des Buchdruckers entwickelt worden sein, sondern in der ‚Malküche‘ des ideenreichen und geschickten Schriftenmalers, der nach einer schnelleren Produktionsmethode suchte“. In den USA entwickelte sich das Verfahren ursprünglich in den östlich gelegenen Bundesstaaten Ohio, Illinois und New York und an der Westküste in Kalifornien.
1916 wurde der erste Fachartikel über das Siebdruckverfahren veröffentlicht. Autoren von ersten Fachbüchern waren die Amerikaner Harry Leroy Hiett und Bert Zahn. Harry Hiett (1889-1969) war Schriftenmaler und „Commercial Artist“. Er veröffentlichte 1922 das erste bekannte Siebdruckfachbuch „Silk Screen Process Knowledge“. Mehrere weitere Fachbücher zum Verfahren publizierte Hiett bis in die 1960er Jahre. Bert Zahn (1896-1989) war ebenfalls Schriftenmaler und „Artist“, er arbeitete seit 1913 im Siebdruck. Zahn veröffentlichte 1930 sein erstes Fachbuch „Silk Screen Methods of Reproduction“. Sowohl Hiett wie Zahn schrieben seit den 1920er Jahren auch zahlreiche Artikel zum Siebdruckverfahren in amerikanischen Fachzeitschriften, die teilweise Schilderungen zur Frühzeit des Siebdrucks in den USA enthalten.
Hinweise zur Frühzeit des Siebdruckverfahrens in den USA
Harry Hiett erwähnt zum Beispiel, dass um 1900 in New York Pennants (Filzwimpel) im Siebdruck bedruckt wurden, 1903 dann auch bei Francis Willet (oder Willette) in Detroit. Willet druckte eine weisse Basisfarbe und kolorierte von Hand auf die weisse Farbfläche. 1907 soll Hiett selber im Bereich des Pennant-Drucks gearbeitet haben. Im Ersten Weltkrieg bedruckte er in der US-Armee Schilder im Siebdruckverfahren (1917). Die Schablonen wurden dabei mit Schellack in das Seidengewebe gezeichnet. Hiett schreibt, dass es vor dem Ersten Weltkrieg unmöglich war, Informationen zu erhalten, ob das Verfahren auch in anderen Ländern eingesetzt wurde. Eine Ausnahme stelle Kanada dar. Dort habe es einige „small Shops“ gegeben, die den Siebdruck verwendet haben.
Um 1914 wurden die Schutzhüllen von Reserverädern, die aussen an Automobilen befestigt waren, bedruckt, ebenso Pferdedecken für Fuhrwagen. 1916 stellte die „Valentine Electric Sign Company“ in grosser Anzahl Leuchtkästen her, die mit der US-Flagge bedruckt waren. Auch Strassen- und Werbeschilder oder „Showcards“ wurden im Siebdruck hergestellt. Durch den Eintritt in den Krieg (1917) wurde die wirtschaftliche Entwicklung in den USA aber stark erschwert. Davon war auch der Siebdruck betroffen.
Zum Drucken wurden in der Frühzeit hauptsächlich mattierte Ölfarben verwendet. Teilweise mischten die Druckereien noch Stärkesirup, Trockenstoffe, Kerosin, Vaseline oder Maisstärke hinzu, um die Farben zu „verbessern“. Vor allem beim Bedrucken von Papier oder Karton schlugen die öligen Bestandteile der Farbe in die Papierfasern weg und bildeten einen dunklen Rand um das Druckbild. Bert Zahn bemerkte dazu humorvoll: „ Wenn sich ein Kunde darüber beschwerte, erklärten wir ihm, dass wir noch eine ‚Outline‘ um die Beschriftung gedruckt hätten, ohne ihm diese zusätzliche Arbeit verrechnen zu wollen“. Auch die Farbtrocknung war offenbar problematisch. Nicht selten erhielten Kunden die gestapelten und verpackten Drucke als zusammen geklebten Block. Zum Trennen der verklebten Druckbogen half dann manchmal ein Heizofen und Wasserdampf.
Selectasine Inc., San Francisco
Den bedeutendsten Einfluss zur Entwicklung und kommerziellen Verbreitung des Siebdruckverfahrens in den 1920er und 1930er Jahren hatte die Firma Selectasine in San Francisco. Selectasine platzierte ab 1918 mehrere US-Patente zur Schablonenherstellung und zum Druckmaschinenbau, die einige Jahre später dann auch international Gültigkeit erlangten. Ein Handbuch der Firma, das ab 1923 leihweise abgegeben wurde, beschreibt detailliert und mit vielen Illustrationen die Einrichtung zum Siebdrucken, viele Schablonentechniken und Quellen zum Kauf von Seidengaze, Druckfarben etc. Von diesem Handbuch sind weltweit bisher nur zwei erhalten gebliebene Exemplare bekannt (einige Abbildungen in dieser Sitel stammen übrigens aus einem der beiden Exemplare) .
Die entscheidenden Impulse zur Firmengründung gaben John Pilsworth und Charles Peter, zusammen mit Edward Owens. 1912 gründeten Peter und Pilsworth in Portland die Firma „The Illustration Company“ und Edward Owens wurde als Verkäufer („Salesman“) angestellt. Im Dezember 1912 zogen die Drei nach San Francisco um, und eröffneten dort ein gemeinsames Atelier. Owens nahm gleichzeitig einen Job bei der Firma „Emmerson Pennant Company“ an, die Wimpel herstellte. Hier kam Owens erstmals mit dem Siebdruckverfahren in Kontakt. Zu dieser Zeit war in San Francisco die „Panama Pacific International Exposition“ im Aufbau. Die Ausstellung war als Feier zur Fertigstellung des Panamakanals und zum 400. Jahrestag der Entdeckung des Pazifischen Ozeans gedacht und sollte 1915 eröffnet werden. Owens verliess die „Pennant Company“, um zusammen mit Peter bis 1915 bei der Panama-Ausstellung zu arbeiten. Hier begegneten sie Roy Beck und Jacob Steinman (Owens, Beck und Steinman gründeten später die Firma Selectasine). Während der Abwesenheit von Peter und Owens beschäftigte sich John Pilsworth weiter mit dem „Pennant-Druckverfahren“.
"Select a Sign for your Jitney Bus“
Für mehrfarbige Druckarbeiten in kleineren Stückzahlen waren die damaligen Druckverfahren wie Lithografie, Buch- oder Tiefdruck zu teuer. Die Ausführung in Handarbeit wäre hingegen viel zu aufwändig gewesen. John Pilsworth, realisierte, dass mit dem Siebdruckverfahren solche Arbeiten wirtschaftlicher ausgeführt werden konnten. Das Verfahren war vergleichsweise preisgünstig und rationell. Nachdem die Arbeit an der Panama-Ausstellung beendet war, begann sich auch Edward Owens wieder für das Siebdruckverfahren zu intressieren. Zusammen mit Roy Beck mietete er Räumlichkeiten für ein Atelier. Erste Druckarbeiten waren Beschriftungen von Schildern für „Jitney-busses“ (Nahverkehrsmittel). Sie nannten ihre Firma daher Selectasine („Select a Sign for your Jitney Bus“).
Das Selectasine-Verfahren
Das erste Patent wurde 1915 eingereicht und 1918 bewilligt. Es handelte sich um ein von Pilsworth entwickeltes „Mehrfarbendruckverfahren“. Die Idee von John Pilsworth war, ein mehrfarbiges Bild mit nur einem einzigen Drucksieb herzustellen. Die gleiche Technik ist im Holz- oder Linolschnitt unter den Bezeichnungen „Eliminationstechnik“, „Verlorene Platte“ oder „Reduktions-Holzschnitt“ bekannt und von Pablo Picasso eingesetzt worden. Weitere ähnliche Patente zur Schablonenherstellung wurden 1920 von Steinman und Owens eingereicht. Das Selectasine-Verfahren verlor erst in den 1930er Jahren an Bedeutung, als die Schablonenherstellung zunehmend mit Schneidefilmen und auf fotografischem Weg erfolgte und somit für jede Druckfarbe ein neues Drucksieb angefertigt wurde. Nachteilig war beim Selectasine-Verfahren sicher auch die oftmals hohe Farbanzahl (teilweise bis zu 20 Farben), was die Herstellung der Drucke zu einer äufwändigen Aufgabe werden liess.
Weitere Selectasine-Patente
Im Bereich des Druckmaschinenbaus wurde von Selectasine zuerst ein einfaches Handdruckgerät entwickelt, später dann aber erste automatische Druckmaschinen. Edward Owens schreibt dazu 1927, dass die Entwicklung des Siebdrucks parallel zur Lithografie erfolgen sollte, da sich beide Verfahren in ihrer Entwicklung sehr ähnlich seien. Es sei noch nicht lange her, als in der Lithografie noch von Hand gedruckt worden sei. Auch im Siebdruck würden in Zukunft Druckmaschinen die Handdruckarbeit ersetzen. 1921 liess Edward Owens die erste halbautomatische, winkelöffnende Druckmaschine patentieren. 1929 folgte von Owens ein Patent für einen halbautomatischen Winkelöffner, der den Bedruckstoff mit Saugluft auf dem Druckbett fixierte. Im gleichen Jahr wurde von Owens eine vollautomatische Zylinderdruckmaschine patentiert. Die Druckgeschwindigkeit soll bis zu 1500 Bogen pro Stunde betragen haben. Harry Hiett meinte aber 1946, dass solche Maschinen in relativ kleiner Stückzahl gebaut und nur in grossen Siebdruckereien eingesetzt wurden. Die Patentrechte zur Ausführung des Selectasine-Verfahrens konnten für eine Lizenzgebühr erworben werden. Gleichzeitig begannen aber viele Schilder- und Plakatmaler, das Siebdruckverfahren auch ohne „Erlaubnis“ der Firma Selectasine anzuwenden.