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Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in den USA, aber auch in Europa Patente zur Herstellung offener Schablonen platziert. Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurden schliesslich Versuche patentiert, die nicht druckenden Verbindungsstege durch Drähte, Gitter oder Gewebe zu ersetzen, damit das Druckmotiv vollständig mit Farbe ausgefüllt werden konnte. Solche Patente wurden in den USA beispielsweise 1880 von David Ream, Detroit MI, 1884 von Benjamin Walker, Detroit MI, 1887 von William Henay, Cambridge MA oder 1899 von Albert Haberstroh MA, eingereicht. Die Patentinhaber bezeichneten ihre Berufe mit "painter", "fresco painter", "designer" oder "decorator". Die Schablonen dienten zum Dekorieren von Wänden, Textilien, bei Ream wohl zum Beschriften von Eisenbahnwagons, da er Vorarbeiter des "painting department" der Michigan Car Company war (Abb. 1). Eine Berufsbezeichnung, die auf das Druckgewerbe hindeuten könnte, findet sich jedoch nicht. Zur Herstellung der Schablonen wurden imprägnierte Papiere auf die Gitter oder Gewebe geklebt, die Schablonen "rahmenlos" eingesetzt. Auf einen Rahmen befestigte Schablonen wurden erstmals 1890 von Thomas Mullaley, Chicago IL, vorgeschlagen, die ebenfalls zum Dekorieren eingesetzt wurden.

Obwohl diese Patente die Grundzüge der heutigen Siebdruckform beschrieben, gibt es keine Hinweise darauf, dass diese einen indirekten oder direkten Einfluss zur Entstehung des Siebdruckverfahrens zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten.

Erste Patente, die einen direkten Bezug zum Drucken hatten, wurden im Osten der USA 1902 von Antoine Vericel und 1903 von Hiram Deeks eingereicht. Vericel wurde in Frankreich geboren und emigrierte in die USA. Sein Patent beschrieb ein karussellähnliches Druckgerät zum Dekorieren von Haushaltsartikeln wie Kissen oder Überzüge. Als Schablonengewebe empfahl Vericel Seidengaze, wie sie in Müllereimaschinen verwendet wurde. Die Schablonen fertigte er aus Papier an, das mit einer Gummilösung an das Gewebe geklebt wurde. In seinem Patent wurde erstmals die Verwendung einer Druckrakel abgebildet (Abb. 4). Er bezeichnete sie als "scraper" (Schaber, Spachtel). Vericel wechselte in den 1910er Jahren in die Kosmetik-Branche. Er starb 1960 in Kalifornien.

Hiram Deeks wurde in England geboren und emigrierte in die USA. Zu Beginn des Jahrhunderts arbeitete er als Textildesigner in Paterson NJ, der damaligen Textilmetropole der USA. Sein Patent beschrieb die manuelle Schablonenherstellung um damit Textilien, Papiere, Wände und Ähnliches zu dekorieren (Abb. 5). Deeks benutzte einen Schablonenrahmen. Er platzierte sein Patent im gleichen Jahr auch in England, wo es sich dann ausschliesslich auf den Textildruck bezog (siehe Kapitel Textildruck). Deeks wandte sich schon kurze Zeit nach seinem Schablonenpatent anderen Interessen im Bereich der Fotografie und Rotogravur (Tiefdruck) zu. 1906 erfand Deeks die Lentikularbilder, fotografische "Wechselbilder", die mit Hilfe einer gerippten Folie je nach Blickwinkel zwei verschiedene Bilder sichtbar lassen werden. Ab Mitte der 1920er Jahre arbeitete er im eigenen Laboratorium an der Entwicklung der Farbfotografie. Er starb im 1952 in Sea Cliff, Nassau, New York.

Über einen möglichen kommerziellen Erfolg der Patente von Vericel und Deeks sind keine Informationen überliefert. Beide Patente deuten aber darauf hin, dass das Siebdruckverfahren schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nichts Neues war und zur Dekoration von Werbe- und Textilartikeln eingesetzt wurde.

 

Schablonendrucker ("Stencil Duplicators")

In amerikanischen Fachartikeln der 1990er Jahre wurde vermutet, dass die im Büro-Bereich eingesetzten Schablonendrucker zur Entstehung des Siebdruckverfahrens führten. Die einfachen Druckgeräte wiesen tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit den späteren Siebdruck-Handdruckgeräten auf: Der mit Seidengaze bespannte Druckrahmen war scharnierartig aufklappbar (Abb. 7). Die Geräte wurden jedoch im Büro-Bereich zur Vervielfältigung von Texten oder einfachen Zeichnungen eingesetzt. Die wichtigsten Entwickler solcher Schablonendrucker waren David Gestetner in London und Thomas Edison, später in Zusammenarbeit mit Albert Dick, Chicago (Abb. 6).

Als Druckform diente ein mit Wachs beschichtetes, grobfasriges Japanpapier (Yoshinopapier). Das Papier wurde in eine Typenhebel-Schreibmaschine gespannt und mit Text beschrieben. Die metallenen Typen der Schreibmaschine durchdrangen beim Aufschlag die Wachsschicht, so dass das Papier hier farbdurchlässig wurde. Danach wurde diese Matrize im Druckrahmen befestigt. Das Druckgerät von Charles N. Jones wies 1887 erstmals einen mit Seidengaze bespannten Druckrahmen auf (Abb. 8). Nach dem Zuklappen des Rahmens wurde die Druckpaste mit einem Roller durch die Matrize hindurch auf den Papierbogen gedruckt. Es konnten bis sechs Kopien pro Minute gedruckt werden, die Lebensdauer einer Schablone reichte bis etwa 2000 Exemplare.

Bis heute finden sich keine Quellen, die einen Einfluss der Schablonendrucker auf die Entstehung des Siebdruckverfahrens belegen. In den Fachartikeln und Fachbüchern der Frühzeit des Siebdruckverfahrens wurden von den damaligen Autoren und Pionieren die Schablonendrucker des Büro-Bereichs nicht erwähnt. Auch die Entwickler und Hersteller der Schablonendrucker wiesen nie auf eine Übernahme ihrer Technik hin, die zur Entstehung des Siebdruckverfahrens führte, was ihnen wohl bekannt gewesen sein müsste. Sie beteiligten sich zudem nicht am Siebdruckverfahren, auch als dieses an wirtschaftlicher Bedeutung gewann. Die Entwicklung der Schablonendrucker verlief getrennt vom Siebdruckverfahren und mündete im Bau von Kleinoffsetdruckmaschinen und Fotokopiergeräten. Mehrfarbige, teils grossflächige Druckarbeiten, wie sie im Siebdruck auf verschiedenartige Bedruckstoffe ausgeführt wurden, waren nie das Anwendungsgebiet der Schablonendrucker.

 

 

 

 

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