Das Siebdruckverfahren wurde im Osten und Mittleren Westen der USA im Bereich der Werbeartikel – speziell beim Bedrucken von Filzwimpeln eingesetzt. In Kalifornien entstand der grafische Siebdruck. Die Firma Selectasine verbreitete diesen landesweit und international. Damalige Pioniere schilderten die weitere Entwicklung: "Je mehr Leute in das Geschäft einstiegen, desto schneller erfolgte der technische Wandel. Mit diesen fortwährenden technischen Veränderungen entdeckten viele Filzwimpeldrucker bald, dass sich das Verfahren auch zum Bedrucken von Karton, Öltuch, Holz etc. eignen würde." In den 1910er Jahren begann sich das Verfahren sowohl an der Ost- wie auch an der Westküste auch im Bereich der Beschriftung und Schilderherstellung zu verbreiten. Im Oktober 1916 erschien der erste Fachartikel zum Siebdruckverfahren in den USA. Autor war der Schriftgestalter William Gordon. Seit Ende der 1910er Jahre wurden mit der zunehmenden Automobilisierung die Schilder für das entstehende Autobahnnetz im Siebdruck hergestellt. Seit den 1920er Jahren begannen nun viele Schriftenmaler das Siebdruckverfahren einzusetzen (Abb. 4).
Im ersten Weltkrieg wurde der Siebdruck wenig in der amerikanischen Armee eingesetzt. Belegt sind hier Beschriftungsarbeiten in "sign shops" der Truppe. Während des Kriegs spürten die damaligen Siebdruckereien keine Geschäftseinbussen. Dies änderte sich jedoch nach Ende des Kriegs, als die USA in den frühen 1920er Jahren in eine Rezession gerieten. Etliche der grossen Firmen mussten damals ihr Geschäft aufgeben - das wirtschaftliche Umfeld für den Siebdruck verschlechterte sich bis zur MItte der 1920er Jahre. Von denjenigen Druckereien, die überlebten, wechselten viele in die Herstellung und Dekoration von Schutzhüllen für Reserveräder, die mit Werbebotschaften bedruckt wurden.
Etablierung des Verfahrens (Abb. 2, 3)
Eltliche Siebdruckereien in der Frühzeit des Verfahrens hielten ihre Technik möglichst geheim, obwohl Firmen des grafischen Gewerbes grosses Interesse am Verfahren zeigten. Es wurde humorvoll überliefert, dass umherziehende "Fachleute" dieses Bedürfnis nun entdeckten und "geheime Informationen" zur Verfahrenstechnik verkauften. Interessierte Firmen erwarben für 100 bis 500 Dollar solche "Geheimnisse", bemerkten jedoch irritiert, dass weitere Firmen derselben Stadt die gleichen Informationen für nur 25 Dollar erwerben konnten. Sowohl im Osten wie im Westen der USA wurden seit den 1920er Jahren eine zunehmende Anzahl Patente zum Siebdruck eingereicht. Nicht wenige der Patenteingaben enthielten jedoch nur technisch belanglose Aspekte.
Fachzeitschriften berichteten in den 1920er Jahren vereinzelt über technologische Aspekte des neuen Verfahrens, seit den 1930er Jahren nahm die Frequenz der Artikel stark zu, und der Siebdruck war in nahezu jeder monatlich erscheinenden Ausgabe präsent. Diese Fachartikel öffneten das Verfahren für interessierte Kreise (Abb. 1), so dass die "Geheimniskrämerei" ihre Bedeutung verlor. Erste Fachbücher erschienen 1922, 1926 und 1930. Seit den frühen 1920er Jahren boten Zulieferfirmen zudem ein umfassendes Angebot an Materialien und Druckgeräten zum Siebdruck an.
Ein spezielles Anwendungsgebiet des Siebdrucks war Herstellung von Kalenderbildern. Seit den frühen 1920er Jahren bis in die 1940er Jahre wurden zahlreiche solcher Druckarbeiten ausgeführt. Der hohe Farbauftrag des Siebdrucks ergab dabei dem Bild eine gemäldeähnliche Wirkung, die in den anderen Druckverfahren nicht erreicht werden konnte. Dies mag die damalige Popularität der im Siebdruck hergestellten Kalender erklären. Es wurde dabei auf eine dekorative Bildgestaltung geachtet, damit ein breiteres Publikum erreicht werden konnte.
1923 wurde an einer Werbemesse in Cincinnati erstmals das Siebdruckverfahren präsentiert. Es wurden Displays und Schilder sowie die Druckgeräte gezeigt. Dazu gab es eine Abteilung, die ganz dem Siebdruckverfahren gewidmet war. 1937 fand in Chicago mit der "Process-Show" eine weitere grosse Ausstellung zum Siebdruckverfahren statt. Gezeigt wurden, begleitet von Fachreferaten, die vielen Anwendungsmöglichkeiten des Siebdrucks. Die zweitägige Veranstaltung hatte mehr als 600 Besucher. Sie diente der fachlichen Weiterbildung und war gleichzeitig Rückschau auf die Entwicklung der vergangenen 30 Jahre.
Seit Mitte der 1930er Jahre wurde das Siebdruckverfahren zunehmend in den Unterricht für Grafik-Studenten integriert (Abb. 5). Schon 1930 war die Siebdrucktechnik in in einer permanenten Ausstellung im National Museum, Washington D.C., präsent: Neben Ausstellungsobjekten zu Hoch- und Tiefdrucktechniken und zur Lithografie wurde auch das Prinzip des Siebdrucks und verschiedene Möglichkeiten zur Schablonenherstellung und ein Handdruckgerät gezeigt. Druckmuster wurden von Selectasine, San Francisco, gespendet.






Seit Beginn der 1920er Jahre begann sich das Siebdruckverfahren von den USA her in Kanada (Abb. 7), Australien, Neuseeland (Abb. 6), England und Kontinentaleuropa zu verbreiten, seit den 1930er Jahren auch in Südamerika und teilweise in Fernost und Südafrika. Einerseits erwarben kapitalkräftige Firmen die Lizenz zum Selectasine-Verfahren, andererseits verbreitete sich das Fachwissen zum Siebdruck durch die amerikanische Zeitschrift "Signs of the Times Magazine". Die Zeitschrift für Werbetechnik fand ein internationales Publikum. Die Schwierigkeit in diesen Ländern war es jedoch, an geeignete Materialien für den Siebdruck zu gelangen, beispielsweise Produkte zur Schablonenherstellung oder Druckfarben. Hier zeigte sich der technologische Vorsprung in den USA. In Kuba wurde beispielsweise das Verfahren 1928 eingeführt (Abb. 8). Aufgrund der klimatischen Verhältnisse ergaben sich jedoch Druckprobleme - die aus den USA importierten Farben trockneten im Sieb ein. Erst in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Farbenhersteller konnte eine Farbrezeptur entwickelt werden, die den kubanischen Verhältnissen angepasst war.
In England wurde das Selectasine-Verfahren 1923 eingeführt und verbreitete sich ab 1926 in Kontinentaleuropa: Schweiz, 1926; Dänemark, 1927; Holland, 1927; Deutschland, 1928; Italien um 1930; Frankreich und Spanien vermutlich frühe 1930er Jahre.
Wie in den USA wurde das Siebdruckverfahren hauptsächlich zum Druck von Plakaten und zur Schilderherstellung eingesetzt. In England, Deutschland und der Schweiz (und den USA) kam zeitgleich auch der Textildruck hinzu.
Während in den angelsächsischen Ländern, abhängig vom wirtschaftlichen Umfeld, sich das Verfahren bis zum Zweiten Weltkrieg kontinuierlich verbreitete, so gestaltete sich die Verbreitung im deutschsprachigen Raum schwieriger. Bedingt durch die Nachfolgen des Ersten Weltkriegs und des sich anbahnenden Zweiten Weltkriegs erreichte die Werbewirtschaft nicht denselben Stand, wie beispielsweise in England oder den USA. Hinzu kam eine gewisse Skepsis gegenüber neuen Technologien, welche die Verbreitung des Verfahrens zusätzlich erschwerten.
Den eigentlichen Durchbruch erreichte in Europa das Siebdruckverfahren erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die vor dem Krieg entstandenen Strukturen und die beteiligten Pioniere und Pionierfirmen gingen dabei vergessen.




Während des Kriegs wurde in den USA das technisch schon weit entwickelte Siebdruckverfahren in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Mit der zunehmenden Produktion von Rüstungsgütern verstärkte sich auch die Anwendung des Siebdrucks. Die Abbildung 10 zeigt den Druck von selbstleuchtenden, radioaktiven Farben - ohne besondere Schutzvorkehrungen für die Mitarbeiter. Dazu wurde bemerkt, dass bei "sauberem Arbeiten" keine Gefährdung bestehe.
Der Siebdruck wurde hauptsächlich für den Druck von Instrumentenskalen, beispielsweise für die Nachrichtenübermittlung oder für Panzer und Flugzeuge, eingesetzt. Weitere Einsatzgebiete des Siebdrucks in der Rüstungsindustrie war das Bedrucken von Schildern, Klebern, Kisten, Fahrzeug- und Flugzeugkennzeichnungen, Banner, Sanitätsmaterial oder die Herstellung von Instruktionspanels und Karten. Jeder B-29 Bomber wurde beispielsweise mit 2000 Klebern versehen. Die Druckarbeiten erreichten teilweise sehr hohe Auflagen, die dann von gewerblichen Siebdruckereien ausgeführt wurden.
Auch Propagandaplakate wurden im Siebdruck gedruckt. Es dürfte sich dabei um kleinere Auflagen gehandelt haben. Die patriotischen Motive deuten darauf hin, dass die Plakate von Regierungsstellen in Auftrag gegeben wurden.
Siebdruckausbildung innerhalb der US-Armee
Seit 1943 wurde das Siebdruckverfahren in der US-Armee geschult (Abb. 10-13). Die Ausbildung dauerte eine Woche und umfasste das Entwerfen des Motivs, das Anfertigen der Schablonen mit Schneidefilmen und das Drucken. Nach Beendigung des Kurses erhielten die Teilnehmer ein Zertifikat. Mehrere Tausend Armeeangehörige kamen so erstmals mit dem Siebdruckverfahren in Kontakt. Die Technik wurde teilweise auch in Armeespitälern unterrichtet, kriegsversehrte Angehörige der Armee fanden dabei wieder eine Beschäftigung, die sie auf ihr zukünftiges Zivilleben vorbereiten sollte. Auch in Australien wurden Angehörige der Streitkräfte im Siebdruckverfahren geschult. Die vielen "sign shops" der US Armee produzierten hunderttausende von Instruktionstafeln (Abb. 9), Plakate und Schilder etc.
Die amerikanischen Truppen unterhielten in Europa und im pazifischen Kriegsgebiet "Felddruckereien" um so den unmittelbaren Bedarf an Schildern decken zu können. Abbildung 14 zeigt eine solche Druckerei in Frankreich, 1945.
Europa
In England, das schon 1939 vom Krieg betroffen war, wurde das Verfahren ebenfalls zunehmend für militärische Anwendungen eingesetzt wurde, bei gleichzeitigem Rückgang im Bereich der Werbung. Auch im Rahmen der Materialrationierung wurde der Siebdruck eingesetzt: Papiererzeugnisse wurden im Siebdruck deckend weiss überdruckt, damit sie einer erneuten Verwendung zugeführt werden konnten.
Auch in Deutschland wurde das Siebdruckverfahren in der Kriegsindustrie eingesetzt. Das Verfahren wurde zum Bedrucken von Munitionskisten oder Wehrmachtswagen eingesetzt. Hinweisschilder am so genannten Westwall sollen ebenfalls im Siebdruckverfahren hergestellt worden sein. Auch für das Reichsluftfahrtministerium wurden Siebdruckarbeiten ausgeführt.





