Häufig wird erwähnt, dass das Siebdruckverfahren eine Weiterentwicklung der traditionellen japanischen Schablonentechnik sei. Begründet wird dies damit, dass in Japan seit dem 19. Jahrhundert Schablonen verwendet wurden, deren lose Teile durch Seidenfäden miteinander verbunden waren. So wurde 1974 in einer Abhandlung zur Siebdruckgeschichte bemerkt, dass japanische Schablonen den unmittelbaren Anstoss dazu gaben, "... bei der Schablonenherstellung prinzipiell von einem Netz oder einem Gewebe auszugehen. [...] So verwundert es nicht, wenn eines Tages an mehreren Orten [in Europa und den USA] und fast gleichzeitig die viel benutzte, weithin bekannte Seidengaze über den Holzrahmen gespannt und damit der entscheidende Schritt in die Neuzeit des Schablonendrucks [Siebdruck] getan wurde." Es sind jedoch keine Quellen überliefert, die auf einen Zusammenhang zwischen der japanischen Schablonenherstellung und der Entstehung des Siebdruckverfahrens hindeuten. Die Technik der japanischen Schablonenherstellung war zwar seit dem späten 19. Jahrhundert in Europa und den USA bekannt. Hinweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen jedoch, dass der heutige Siebdruck zu dieser Zeit wohl unabhängig im Osten der USA entstand und sich verbreitete. Dennoch fasziniert die japanische Schablonentechnik in ihrer technischen und gestalterischen Ausführung, die wohl einmalig ist, bis heute.
Katagami, Katazome
Seit dem 17. Jahrhundert wurden in Japan Textilien mit Hilfe von Schablonen dekoriert. Dabei wurde die Farbe jedoch nicht direkt auf das Textil aufgetragen, sondern eine Reservepaste, welche das Textil bei der nachfolgenden Färbung schützte. Dieses Reserveverfahren wird als Katazome bezeichnet, die dabei eingesetzten Papierschablonen als Katagami (Katai = hart, gami = Papier). Die dekorierten Textilien dienten zur Anfertigung von Kimonos, aber auch anderer im Alltag benötigten Textilien. Bedruckt wurden Seide (für die gesellschaftliche Oberschicht) oder Baumwolle.
Herstellung der Katagamischablonen
Die Schablonenpapiere wurden aus den Fasern des Maulbeerbaums hergestellt und mit dem tanninreichen Saft unreifer Kakifrüchte (persimmon) gegerbt, was dem Papier die typisch braune Farbe (Abb. 1) und die erforderliche wasserbeständigkeit verlieh.
Es wurden drei verschiedenartige Techniken zum Schneiden der Schablonen eingesetzt, die in ihrer technischen Ausführung auch die Gestaltung der Motive mit beeinflussten. Die erste Möglichkeit, Schablonen herzustellen, bestand darin, dass das Motiv durch das „Einstanzen“ einer Vielzahl von Löchern gebildet wurde (Abb. 3). Dazu diente ein halbkeisförmiges Locheisen, das durch drehen das jeweilige Loch im Papier ergab. Bei dieser Technik war es nicht möglich, zusammenhängende Linien wiederzugeben.
Die zweite Möglichkeit bestand darin, Linien und Flächen auszuschneiden, wobei die verschiedenen Teile der Schablone jedoch mit Stegen miteinander verbunden blieben. Die Motive wurden oft so gestaltet, dass die Verbindungsstege dabei nicht als handwerkliche Notwendigkeit wahrgenommen wurden, sondern sich als gestalterisches Element in das Motiv einfügten (Abb. 2). Dies erforderte hohes gestalterisches Können.
Die dritte Möglichkeit wurde in europäischen Artikeln zu Ende des 19. Jahrhunderts folgendermassen beschrieben (Abb. 4): "Vollends frei von dem seinen künstlerischen Gedankenflug hemmenden Schablonenstil macht sich der Schablonenschneider, indem er ungezwirnte Seidenfäden, so wie sie eine der grossen japanischen Seidenraupe spinnt, zu Hülfe nimmt. Mit diesen kaum sichtbaren Fäden gibt er dem gefährdeten Theile einer Schablone Halt, indem er sie einnäht, so dass lose oder nur an einem Stile hängende Theile ohne Papierstege in einem Ausschnitt des Grundes hängen." Zu dem bis heute existierenden Gerücht, dass dazu auch Menschenhaare verwendet wurden, wurde bemerkt: "Von Verkäufern [der Schablonen] werden die Seidenfäden, vermutlich um die Schablone interessanter zu machen, für Menschenhaare ausgegeben." Tatsächlich bestätigen auch heutige japanische Fachleute, dass zu keiner Zeit Haare zur Schablonenherstellung verwendet wurden.
Die mit Seidenfäden stabilisierten Schablonen wurden dadurch hergestellt, dass das Bildmotiv in zwei aufeinander liegende, miteinander verklebte Papiere geschnitten wurde. Nach dem Schneiden wurden die Papiere getrennt, die Fäden eingefügt und die Papiere wieder passgenau miteinander verklebt.
Druckvorgang
Die im Reservedruck verwendete Druckpaste bestand grundsätzlich aus Reismehl und Kalk und hatte die Konsistenz eines Kleisters. Nach dem Färben des Stoffs konnte die Paste wieder weg gewaschen werden. Der Vorgang gleicht also der heutigen Batik, wo als Reservierungsmittel jedoch Wachs eingesetzt wird. Teilweise wurde jedoch auch direkt mit farbiger Druckpaste auf weisse Textilien gedruckt.
Europäische Fachartikel, Ende des 19. Jahrhunderts, beschreiben die Technik und die damalige Bedeutung der Textildekoration in Japan: "Der japanische Schablonirer weiss mit ein und derselben Tafel zweierlei Wirkung zu erzielen: ein Farbendruck, für welchen Indigoblau vielfach angewandt wird, auf weissen Grund, oder ein weisser Druck auf farbigen Grund. Der erste wird durch directen Druck erzeugt, zum letzteren aber wird ein Farbstoff oder eine Maske [Reserve] benutzt, die man "Widerstand" nennt und von welcher Reiskleister den Hauptbestandteil bildet. Hat man damit auf irgend einen Stoff bedruckt, so wird dieser in eine Farbbütte getunkt, worauf man, wenn er gehörig Farbe angenommen hat, den "Widerstand" herauswäscht [...] Eine Bevölkerung von so etwas wie einundvierzig Millionen braucht ein gut Theil Bekleidungsstoffe [...] In einer Abhandlung über japanisches Leben und die Kunst der Japaner beschreibt Mrs. Ernest Hart die Kleidung der japanischen Frauen; dieselbe bestehe, sagt sie, hauptsächlich aus einem langen und losen Gewande mit weiten offenen Aermeln, das man Kimono nenne [...] Die japanische Frau hält ungemein viel auf einen schönen Kimono, der selbst in billigstem Stoff, Baumwolle oder Crepe, mit den wechselvollsten Zeichnungen schablonirt ist, wobei sich die reiche Phantasie des Künstlers ersichtlich ein Genüge gethan hat. Mrs. Hart sagt, dass "jeder Kattundrucker [Kattun = Baumwolle] in England, der die heimischen Verfahrungsarten gewöhnt ist, sich über die kunstvollen Zeichnungen wundern wird, mit denen er hier selbst die billigsten Stoffe bedruckt sieht ... die Zahl der Farben und Nüancen lassen ihn sofort erkennen, dass sie nicht mit Druckstöcken oder Walzen [Hochdruck, Tiefdruck] hergestellt sein können."
Die Schablonen wurden in Japan lange Zeit als gewöhnliche Gebrauchsgegenstände angesehen und trotz ihrer Schönheit nicht gesammelt. Anders in Europa und den USA: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert gelangten grosse Bestände an Katagamischablonen in private Sammlungen oder Museumsbestände. Heute werden auch in Japan die Schablonen und die Drucktechnik als bedeutendes nationales Kulturgut betrachtet. Die Drucktechnik wird weiterhin vereinzelt in kunsthandwerklichem Sinne gepflegt und ausgeführt.




