Der Begriff "Serigrafie" bezeichnet den Druck von Kunstgrafik im Siebdruck. Im Gegensatz zur Entstehung des gewerblichen Siebdrucks sind die Ursprünge des künstlerischen Siebdrucks, der in den 1930er Jahren in den USA entstand, gut überliefert und dokumentiert. Die Entstehung des künstlerischen Siebdrucks darf nicht in Trennung zur wirtschaftlichen und kommerziellen Entwicklung des Verfahrens gesehen werden. Die Serigrafie begann sich dann zu entwickeln, als zunehmend ausgereifte Arbeitsmethoden des kommerziellen Siebdruckverfahrens zur Verfügung standen. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre bewirkte schliesslich, dass sich eine zunehmende Anzahl Künstler dieser vergleichsweise preisgünstigen und einfach zu handhabenden Drucktechnik zuwandten.

 

Weltwirtschaftkrise, WPA-Projekt

Die Ursprünge der Serigrafie, fallen in die Jahre der "Great Depression", der Weltwirtschaftskrise. 1933 wurde vom amerikanischen Präsidenten Roosevelt unter dem Begriff "New Deal" ein Wirtschaftsförderungs- und Arbeitsbeschaffungsprogramm lanciert, das bis 1943, als die Rüstungsindustrie für einen Wirtschaftsaufschwung sorgte, grosse Bedeutung hatte. 1935 wurde dazu die Works Progress Administration WPA geschaffen. Aufgabe dieser Bundesbehörde war es, durch ein Beschäftigungsprogramm die hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Innerhalb des WPA gab es das Federal Art Project (FAP), eine Abteilung zur Unterstützung von Kulturschaffenden. Sie beschäftigte in allen Bundesstaaten mehrere Tausend Bildhauer, Maler und Grafiker durch die Vergabe von staatlichen Aufträgen wie Wandgemälde, Skulpturen, Staffeleigemälde, Kunstgrafik oder Plakatgestaltung. Diese staatlichen Aufträge gewährleisteten vielen Künstlern einen minimalen Lebensunterhalt, beispielsweise später weltbekannten Künstlern wie Pollock, Reinhard, Rothko, Tobey, De Kooning etc.

 

Poster divisions des Federal Art Project

1935 wurde in New York eine Plakat-Abteilung des Federal Art Project gegründet . Schon 1938 bestanden in weiteren 17 Bundesstaaten solche "poster-divisions". In diesen Abteilungen wurden im Hochdruck, in Lithografie oder im Siebdruck Plakate für öffentliche Bekanntmachungen, Schulen oder Gemeindeanlässe, kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte und Theater, aber auch Buchumschläge für Ausstellungen des FAP hergestellt. Die Anzahl hergestellter Drucke zeigt die Bedeutung der "poster-divisions": In den 8 Jahren des Bestehens des WPA wurden 35.000 verschiedene Plakate in insgesamt 2 Millionen Exemplaren gedruckt – mehrheitlich im Siebdruck.

1936 wurde Richard Floethe Leiter der New Yorker Poster Division (Abb. 1). Floethe - selber als Künstler tätig - schuf für die Künstler der Posterabteilung ein günstiges Arbeitsumfeld. Einer der Künstler, die in der New Yorker Poster Abteilung ihr Auskommen fanden, war Anthony Velonis. Velonis arbeitete zuvor als Gestalter in der Firma seines Bruders, die Schilder und Plakate im Siebdruck herstellte. Velonis gab nun den Impuls, das Siebdruckverfahren auch zum Druck der Plakate im Rahmen des Federal Art Projects einzusetzen. Zusammen mit anderen Künstlern wurde eine einfache Siebdruckeinrichtung erstellt und mit Erfolg eingesetzt. Während zuerst nur ein- bis zweifarbige Druckarbeiten ausgeführt wurden, so steigerte sich die Farbanzahl im Laufe der Zeit auf bis zu 8 Farben. Gedruckt wurden täglich oft mehrere hundert Exemplare.

Floethe leitete die New Yorker Abteilung bis 1939 und wechselte wegen zunehmender Arbeitsbelastung wieder in seine freiberufliche künstlerische Tätigkeit. Mit dem Erstarken der Kriegswirtschaft wurden bis Ende 1943 alle WPA-Projekte beendet.

 

Gründung der Silk Screen Unit

1938 machte Velonis mit Unterstützung der New Yorker Künstlervereinigung dem Federal Arts Project den Vorschlag, eine Siebdruckabteilung (Silk Screen Unit) zu gründen, um mit dem Verfahren Kunstgrafik herzustellen. Zu den Mitgliedern dieser Silk Screen Unit gehörten die Künstler Hyman Warsager, Harry Gottlieb, Elizabeth Olds, Ruth Chaney, Louis Lozowick, Eugene Morley und Anthony Velonis. Neben der Schulung des Verfahrens war es das Ziel der Vereinigung, Kunstklassen in das Verfahren einzuführen und das Verfahren in landesweiten Ausstellungen des FAP zu präsentieren (Abb. 2 zeigt Anthony Velonis).

 

Erste Fachliteratur für den künstlerischen Siebdruck

Seit Mitte der 1920er Jahre wurden Fachbücher für den gewerblichen Siebdruck publiziert, es bestand also kein Mangel an technischen Informationen zum Verfahren. Dennoch war in Künstlerkreisen das Siebdruckverfahren oft noch unbekannt, da der Siebdruck nicht zum Kreis der künstlerischen Drucktechniken, wie beispielsweise die Lithografie, gehörte. Daher publizierte Velonis 1938 im Rahmen des Federal Art Project seine 27seitige Broschüre "Technical Problems of the Artist - Technique of the Silk Screen Process" (Abb. 3). Sie beschrieb die Schablonenherstellung, die Druckeinrichtung und den Druckvorgang.

 

Warum Siebdruck?

Im Vergleich zur Lithografie und zum Tiefdruck bot das Siebdruckverfahren den Künstlern Möglichkeiten, die sie zuvor nicht kannten. Von den damals aktiv beteiligten Künstlern wurden dazu die folgenden Gründe genannt: Jeder Künstler, auch wenn er nur ein kleines Atelier besass, konnte ohne grossen Aufwand seine Druckgrafik selbst herstellen, da der Siebdruck keine teuren Druckpressen benötigte, wie sie in anderen Drucktechniken erforderlich waren; Die Druckformherstellung war einfach und preisgünstig; Im Siebdruck konnte jede Papierqualität bedruckt werden; Es konnten in kurzer Druckzeit preisgünstig grössere Auflagen hergestellt werden. Harry Sternberg (Abb. 5), damals ein Pionier der Serigrafie, bemerkte dazu rückblickend: "Ich denke, der Siebdruck bedeutete eine Demokratisierung der Kunst. Ich konnte beispielsweise meine Drucke für nur 5 bis 10 Dollar zum Kauf anbieten."

 

Die Einführung des Begriffs "Serigraphy"

1940 organisierte Carl Zigrosser (Foto in Abb. 4), Direktor der Weyhe Gallerie in New York, die erste bedeutende Ausstellung zur Siebdruckgrafik. Im Ausstellungskatalog bezeichnete Zigrosser den künstlerischen Siebdruck erstmals als "Serigraphy". Anthony Velonis bemerkte dazu, dass er selbst 1938 nach einer geeigneten Bezeichnung für den künstlerischen Siebdruck suchte - in Abgrenzung zum gewerblichen Siebdruck ("silkscreen printing") - und den Begriff "Serigraphy" als dazu geeignet fand. 1944 wechselte die Silk Screen Unit ihren Namen zu "National Serigraph Society". Das Ziel war die Gründung einer Galerie, der Vertrieb von Druckgrafik ihrer Mitglieder und die Publikation des "Serigraph Quarterly", der erstmals 1946 erschien.

Trotz der begrifflichen Unterscheidung - eine verfahrenstechnische Trennung zwischen gewerblich-industrieller und künstlerischer Anwendung bestand im Siebdruck nie. Im Hoch-, Tief- und Flachdruck unterscheiden sich hingegen industrielle und künstlerische Anwendungen wesentlich in ihrer drucktechnischen Ausführung. Dies führte dazu, dass der Siebdruck im Kunsthandel zunächst oft als "zweitklassige" Drucktechnik eingeschätzt wurde.

 

"Commercial Art" oder "Fine Art"? Die Grafik in der Frühzeit des Siebdrucks.

Im gewerblichen Siebdruck wurden seit Mitte der 1910er Jahre Plakate, Displays oder beispielsweise Kalenderbilder gedruckt. Sie wurden von ausgebildeten "commercial artists" gestaltet. Die Abbildung 6 zeigt eine Schule für Schrift- und Plakatgestalter zu Beginn der 1920er Jahre. Seit der ersten Hälfte der 1920er Jahre wurden auch künstlerische Grafiken gedruckt. Bei diesen Arbeiten, oft im Selectasine-Verfahren gedruckt, faszinierte damals hauptsächlich der gemäldeähnlich wirkende, plastische Farbauftrag (Abb. 8-10). Der Kunstkritiker Paul Richard meinte dazu 1980 ironisch, dass die frühen Siebdrucke aussähen, "wie Ölgemälde, in denen etwas nicht stimmt." - im Sinne von "gedruckten Malereien".

Noch in den späten 1980er Jahren wurde in Museumskreisen diskutiert, ob diese ersten Siebdruckgrafiken nun der bildenden Kunst zuzuordnen sind oder wohl eher dem Bereich der "commercial art". Betrachtet man die Siebdruckgrafik der 1920er- und 1930er Jahre, so ist es tatsächlich schwierig, solche Drucke nun als Kunstgrafik ("fine art") oder als Gebrauchsgrafik ("commercial art") einzuschätzen. Zum Leben und Gesamtwerk dieser frühen Gestalter und Künstler sind nur wenige Informationen überliefert.

Ohne eine Wertung der künstlerischen Qualität dieser frühen Siebdruckgrafiken darf festgestellt werden, dass diese Arbeiten oft eine dekorative Bildwirkung besassen. Die Drucke wurden teilweise in hohen Auflagen in grossen Warenhäusern zum Kauf angeboten. Bei Siebdruckgrafiken, die seit den späten 1930er Jahren in Künstlerkreisen der Silkscreen Unit gedruckt wurde, fehlt hingegen der dekorative Aspekt  - zugunsten einer konkreten, künstlerischen Bildsprache, die oft auch gesellschaftskritische Aspekte beinhaltete.

Karl Bachler bemerkte 1977 in seinem Buch zur Serigrafie, dass man in den USA damals "... keine so kategorische Unterscheidung zwischen der freien, hohen Kunst einerseits und der angewandten, dem Kunstgewerbe andererseits, zu treffen pflegte, wie in Europa." Vielleicht könnte man daher diese frühen Siebdruckgrafiken als "commercial art ohne Werbebotschaft" bezeichnen. Leider blieben nur wenige dieser frühen Siebdruckgrafiken erhalten. Sie stammen von Leopold Krumel, Boris Riedel, Claude Elvin Millard, George Carvell Ashley, Eugene Pierre Franquinet oder Charles Dennis Barnett.

 

Schulen

Schon um 1933 wurde in den USA die Siebdrucktechnik ersmals an Kunstschulen unterrichtet. Offenbar wurde dabei jedoch nicht die direkte Umsetzung von künstlerischen Ideen ins Siebdruckverfahren gesucht, sondern herkömmliche Plakatgrafik ("commercial art") gedruckt. Die Abbildung 7 zeigt den Unterricht an einer solchen Gestalterschule in 1938. 1939 publizierte der amerikanische Fachautor Biegeleisen sein Buch "Silk Screen Stencil Craft as a Hobby", das sich mit fundierten Verfahrensanleitungen erstmals an ein breites Publikum ausserhalb der grafischen Branche richtete.

 

 

 

Links:

Anthony Velonis: Interview

Hyman Warsager: Interview

Richard Floethe

Harry Shokler

Carl Zigrosser

 

 

 

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